Jungfernfahrt Tag 1: Vom Bodensee nach Bayern

Sylvensteinspeicher

Mit ein bisschen Verzögerung aufgrund einer etwas ungünstigen Urlaubssituation startete die Jungfernfahrt von Berthold Bulliver. Mit an Bord die zu erwartende Besatzung, Peter in seiner Funktion als Lenker, Impulsideenhaber und Stimme der Vernunft und Anne in ihrer Funktion als Routenplanerin, Impulsideeneinbauer und Animateurin.

Kommen wir gleich auf die Probleme rund um den Bodensee zu sprechen: Alles rund um den Boden ist wunderschön und eine verkehrstechnische Katastrophe. Selbst mit dem auf die Fahne geschriebenen Motto „Der Weg ist das Ziel“, mit dem wir Richtung Allgäu aufbrachen, waren wir nach einer halben Stunde Rumkurverei durch gefühlt alle Bodenseedörfer und Städte genervt und wollten bitte, bitte wieder auf eine Autobahn oder zumindest eine vernünftige Bundesstraße.

Da hilft auch der schönste Ausblick nichts. Am Bodensee unterwegs zu sein ist verkehrstechnisch immer eine Geduldsprobe.

Unser Ziel war der Sylvensteinspeicher südlich von Bad Tölz, direkt an der österreichischen Grenze und das nur, weil Peter in irgendeiner Fernsehdoku am Tag zuvor Bilder von diesem See gesehen hat. „Guck mal, da können wir morgen auch hinfahren“, hieß es, also fuhren wir quer durchs Allgäu ins tiefste Bayern. Nun muss man dazu wissen, dass wir ungefähr nichts über Bayern wissen und vor allem nicht, wie dieses Bayern intern funktioniert. Eventuell fuhren wir also gar nicht ins tiefste Bayern, sondern einfach in eine Ecke von Bayern, was wissen wir schon, wie sich „tiefstes Bayern“ definiert. Für eine Rheinländerin und einen Niederrheiner ist eben eigentlich alles tiefstes Bayern, was nicht irgendwo an einer Bundeslandgrenze ist, sogar Franken.

Oft ist es ja so, dass man sich Dinge ganz anders vorstellt, als sie dann tatsächlich sind. Das Allgäu, so merkte ich während der Fahrt mehrfach an, sieht hingegen exakt genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe. wir fuhren über grüne Hügel, irgendwo in der Ferne schimmerten schneebedeckte Alpengipfel und auf den Wiesen grasende Kühe und chillende Katzen.

Allgäu: In diesem Fall ohne Katzen und Alpen, aber mit grünen Wiesen und Kühen.

So tuckerten wir immer weiter Richtung schneebedeckter Gipfel und fanden alles ziemlich gut und entspannt. In Bad Tölz parkten wir an der Touristeninformation und peilten das Reutbergstüberl an, um den mittlerweile doch nicht mehr zu ignorierenden Hunger zu stillen. Und auch wieder: Alles, wirklich alles war genau so, wie wir es uns vorgestellt haben, im besten aller Sinne. Der Gastraum war eine Ode an das Material Holz, am letzten Tisch ein einsamer, dem Wirt offenbar bekannter Gast mit einem Glas Bier in dem Händen. Wir bestellten bestes bayerisches Essen und leiteten damit auch ein bisschen das kulinarisch Thema der nächsten Tage ein: Fleisch und Knödel. Oder besser: Knödel und Fleisch.

Im Reutbergstüberl. Viel Holz und viel Bier.

 

Fleisch und Knödel, Knödel und Fleisch.

Nach Bier, Knödel, Fleisch und gefülltem Pfannkuchen ging es noch zur Strudelkonditorei. Kirschstrudel, Apfelstrudel, Topfenstrudel, Nussstrudel, Zwetschgenstrudel, alles, was das Herz begehrt. Die Frau vor uns ergatterte die letzten Aprikosenknödel, also entschieden wir uns nur für zwei große Stücke Strudel, die Berthold in seiner Kühlbox sicher für uns aufbewahren würde. Ich verzichtete zudem aus Gründen auf eine feministische Grundsatzdiskussion mit dem Strudelbäcker.

Strudel, Strudel, Strudel, Strudel, noch mehr Strudel, noch ein bisschen mehr Strudel.

Von Bad Tölz fuhren wir dann noch ein kurzes Stück nach Süden bis zum Ziel: In Fall hielten wir auf einem Parkplatz und suchten den Weg durch den Wald zum See. Über den See spannte sich eine große Autobrücke, im See spiegelten sich die Berge und die wenigen Boote, die in Ufernähe herumtrieben.

Noch kein See, erst Wald.
See mit Berg und Boot.

Ja, okay, zugegeben, so ein riesiger See vor Bergkulisse ist schon schön. Zum ersten Mal begriff ich so wirklich die Faszination, die von Bergen ausgeht, das Gefühl des „Ich muss da rauf“, wenn man einen Berggipfel sieht, wenn die einzig nötige Antwort auf die Frage „Aber warum denn?“ „Weil es da ist!“ Berge, so wurde mir klar, sind dafür da, um auf sie drauf zu klettern. Möglicherweise ist es also gar nicht so schlecht, dass wir ansonsten in einer weitgehend bergfreien Region leben, sonst wären wir nur damit beschäftigt, irgendwo hoch zu klettern, einfach, weil es geht. In der Ferne sahen wir eine besonders imposante Bergspitze glimmen und mäßiges Bayern-Know-How hin und her, das könnte eventuell die Zugspitze sein, überlegten wir. Google Maps gab uns recht, der Pfeil auf dem Smartphone zeigte eindeutig Richtung Zugspitze.

Sylvensteinspeicher mit eventueller Zugspitze am Horizont.

Nach einem Spaziergang rund um den See entschieden wir uns dann aber doch dafür, weiterzufahren. Unser nächstes Ziel war Regensburg oder vielmehr kurz vor Regensburg, wo wir übernachten wollten, um am nächsten Tag weiter Richtung Tschechien zu fahren. Als wir zu später, aber dann noch nicht so wirklich später Stunde in Bad Abbach ankamen, fanden wir eine tote Stadt vor, immerhin erklärte sich ein netter Mensch in einem indisch-italienischen Restaurant mit dem passenden Namen Bella Taj noch bereit, uns Essen zu bringen. Endgültig satt lenkten wir Berthold Bulliver auf den Wohnmobilstellplatz neben der Bad Abbacher Therme, stellten fest, dass das Stromkabel zwar reichte, aber doch etwas kurz sein könnte, stellten das Dach auf und machten es uns für unsere erste richtige Nacht als Wohnmobilcamper gemütlich.


 

Wir können empfehlen:

Das Reutbergstüberl (Schützenstraße 5, 83646 Bad Tölz) für bodenständige bayerische Küche mit viel Knödeln und Fleisch, gutem Bier und enorm freundlichen Service.

Die Konditorei gegenüber der Touristeninformation in Bad Tölz (vermutlich auch Schützenstraße) für die riesige Strudelauswahl OBWOHL ICH NICHT ZUSTIMME, DASS MÄNNER DIE BESSEREN BÄCKER UND KÖCHE SIND!

Das Bella Taj (Am Markt 20, 93077 Bad Abbach) für Aufnahme in großer Not und den recht üppigen Portionen indischer Gerichte.

Den Wohnmobilstellplatz an der Kaiser-Therme in Bad Abbach (Kurallee 4, 93077 Bad Abbach) mit Stromversorgung und der (von uns nicht genutzten) Möglichkeit, morgens die Duschen und Toiletten der Therme zu nutzen, die 12 Euro pro Übernachtung + 1,80 Euro Kurtaxe pro Person können einfach in der Therme bezahlt werden, man kommt aber auch außerhalb der Öffnungszeiten auf den Platz.


 

Route, Tag 1: Radolfzell, einmal quer durchs Allgäu, Bad Tölz, Sylvensteinspeicher, Bad Abbach, ungefähr 480 km laut Google Maps.